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Blutgerinnung / Hämophilie

Der Begriff Hämophilie wird oftmals unzeitgemäß mit dem Begriff der Bluterkrankheit gleichgesetzt. Die Betroffenen möchten heute nicht mehr als Bluter, sondern als Hämophile bezeichnet werden, da der Begriff durch die Geschichte mehr Angst als Aufklärung vermittelt.

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war die Lage der von der Hämophilie betroffenen Patienten dramatisch. Sie litten schon als Kinder unter starken Blutungen nach Verletzungen oder Behandlungen wie Zahnextraktionen. Innere Blutungen oder auch Blutungen in Muskeln, die bei Gesunden unbemerkt und harmlos verlaufen, konnten tödliche Folgen haben. Hämophile wurden infolge schmerzhafter Gelenkblutungen und daraus resultierender Gelenkschäden im Verlauf ihrer Erkrankung unweigerlich zu Schwerstbehinderten und starben meist früh an den Folgen der Krankheit.

Die Blutgerinnungsfähigkeit ist eine lebensnotwendige Voraussetzung für das Stillen von äußeren und inneren Blutungen. Hämophilie ist eine angeborene, erblich bedingte Blutstillungsstörung. Sie ist gekennzeichnet durch eine lebenslang verminderte Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Neue Erkenntnisse über die Krankheit und neue therapeutische Möglichkeiten haben entscheidend dazu beigetragen, das Leben vieler Hämophiler wesentlich zu erleichtern. Die Hämophilie ist bis heute nicht heilbar, aber dank der Fortschritte in der Medizin gut behandelbar.

Hämophilie betrifft fast ausschließlich Männer

Die Hämophilie betrifft nahezu ausschließlich männliche Nachkommen. Sie tritt bei einem von ca. 5.000 bis 10.000 männlichen Neugeborenen auf. In Österreich werden jährlich etwa 3 bis 5 Kinder mit dieser Erkrankung geboren. Mädchen erkranken fast nie, sie können aber die Erbinformation für diese Krankheit an ihre Nachkommen weitergeben. In Österreich gibt es zur Zeit ca. 600 behandlungsbedürftige Patienten.

Erbkrankheit Hämophilie: Mangel an einem Blutgerinnungsfaktor

Das Blutgerinnungssystem ist ein komplexes System, das durch die Wirkung von verschiedenen körpereigenen Eiweißen, den sogenannten Blutgerinnungsfaktoren, gesteuert wird. Hämophilie bedeutet Mangel am Gerinnungsfaktor acht (VIII) oder neun (IX). Durch diesen Mangel wird das Gerinnungssystem erheblich in seinem Ablauf gestört.

Dabei ist die Hämophilie A (Mangel an Faktor VIII) mit 80 bis 85 % der Fälle gegenüber der Hämophilie B (Mangel an Faktor IX) die häufigere Form. Beide Formen können in verschiedenen Schweregraden auftreten. Dies ist abhängig davon, ob ein vollständiger oder ein teilweiser Mangel an dem jeweiligen Gerinnungsfaktor vorliegt. Man unterscheidet dabei - im Vergleich zu 70 bis 120 % Gerinnungsfaktoraktivität bei einem gesunden Menschen - je nach Restaktivität des betreffenden Faktors eine schwere (0 bis 1 % Aktivität), eine mittelschwere (>1 bis 5 %) und eine milde Form (>5 bis 25 %) der Hämophilie.

Hämophilie bedeutet die Anlage zu unstillbaren Blutungen nach Verletzungen. Das hat zur Folge, dass es bei Verletzungen - bei schweren Fällen auch ohne erkennbaren Anlass - zu ausgedehnten Blutungen, typischerweise in Gelenken und Muskeln, kommen kann. Blutungen in Gelenken sind schmerzhaft und können unbehandelt zu bleibenden Gelenkschädigungen bis hin zur vollständigen Zerstörung der Gelenke führen. Auch Verletzungen der Muskulatur haben bei Hämophiliepatienten weitreichende Folgen. Sie können unbehandelt zu Muskelschrumpfungen führen, aus denen Gelenkfehlstellungen sowie Druckschäden benachbarter Nerven folgen. Bei inneren Blutungen und insbesondere Blutungen im Kopf- und Hirnbereich besteht Lebensgefahr.

Heute ist ein fast normales Leben möglich

Die Hämophilie ist eine Erkrankung, die in jedem Fall von einem in der Hämophilietherapie erfahrenen Arzt behandelt werden sollte. Der fehlende Gerinnungsfaktor kann heute ersetzt werden. Das Faktorenkonzentrat wird, wie Insulin zur Behandlung von Diabetes, gespritzt. Aber im Gegensatz zu Insulin, das subkutan (unter die Haut) gespritzt wird, muss der Blutgerinnungsfaktor direkt in die Blutbahn, d.h. in eine Vene, injiziert werden. Die meisten Patienten können dies nach fachgerechter Anleitung heute selbst durchführen. Eine genaue Kenntnis und Schulung im Umgang mit ihrer Erkrankung ermöglicht ihnen diese sogenannte Heimselbstbehandlung. Ein optimal eingestellter Patient kann heute mit wenigen Einschränkungen wie ein gesunder Mensch leben und ein normales Berufs- und Alltagsleben führen. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung unterscheidet sich nicht mehr von der eines Gesunden. Dies ist das Ergebnis eines großen Fortschritts in der Forschung und der Entwicklung neuer Präparate für die Therapie der Hämophilie.

Ein langer Weg bis zur sicheren Behandlung

Der Weg dahin war nicht leicht. Obwohl man die Hämophilie schon seit ungefähr 2000 Jahren kennt, gab es erst im vergangenen Jahrhundert wirksame Therapieansätze. Die ersten Versuche, einem Menschen Schafblut zu übertragen, um Blutverluste auszugleichen, wurden bereits im 17. Jahrhundert beschrieben. Der Nutzen einer Übertragung (Transfusion) von menschlichem Blut zum Ersatz der fehlenden Gerinnungsfaktoren konnte erstmals im Jahr 1906 gezeigt werden. Jedoch begannen Blut- und Plasmatransfusionen erst 1910 mit der Entdeckung der Blutgruppen durch Karl Landsteiner sicherer durchführbar zu werden. Es wurden dann auch Komplikationen aufgedeckt, die durch Unverträglichkeitsreaktionen zwischen verschiedenen Blutgruppen bei der Bluttransfusion entstanden.

1930 wurde erstmals die biochemische "Existenz" des Faktors VIII beschrieben. Damit war der für die Hämophilie A-Therapie wichtige Bestandteil charakterisiert. Ein bedeutender medizinischer Durchbruch gelang in den 60er Jahren mit der Entwicklung von Gerinnungsfaktor-Konzentraten, sogenannten Plasmakonzentraten. Heute können Präparate zur Behandlung der Hämophilie auch gentechnisch hergestellt werden. Für diese Präparate wird die Verwendung von Spenderblut überflüssig. Dies erhöht für Patienten erheblich die Sicherheit hinsichtlich einer potenziellen Übertragung von Infektionen.

Lehren aus der Vergangenheit: Ansteckung durch Spenderblut

In den vergangenen Jahrzehnten sind Plasmakonzentrate, die aus gesammeltem Spenderblut gewonnen wurden, immer wieder in die Schlagzeilen geraten, weil Blutspenden nur unzureichend auf ihre Infektiosität untersucht wurden bzw. angewendete Virusinaktivierungs- oder -eliminierungsmethoden bei der Herstellung der Plasmapräparate keinen ausreichenden Schutz boten. Viele Patienten haben sich bis Ende der 80er Jahre bei der Behandlung mit den daraus gewonnenen Präparaten mit Viruskrankheiten wie HIV oder Hepatitis angesteckt.

Neue Gefahren in Sicht?

Heute weiß man, dass auch sogenannte Parvoviren durch Blut übertragen werden können, von denen die Variante B 19 unter anderem Hauterkrankungen (Erythem) und Gefäßentzündungen hervorrufen kann und eine Rolle bei rheumatischen Erkrankungen spielt. Beim Vorliegen bestimmter Grunderkrankungen verlaufen Infektionen mit diesem Virus besonders schwer. Neu entdeckte Viren und Krankheitserreger erhöhen die Besorgnis hinsichtlich aus Spenderblut gewonnenen Plasmakonzentraten. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass durch die Gabe von Blutpräparaten die Creutzfeld-Jakob-Krankheit übertragen wird. Diese Erkrankung gehört, ebenso wie BSE bei Rindern, zu den Erkrankungen, die das Nervensystem befallen und tödlich verlaufen können.

Gentechnik und die Sicherheit in der Hämophilie-Therapie

Seit einigen Jahren kann man die fehlenden Gerinnungsfaktoren bei der Hämophilie auch gentechnisch herstellen und ersetzen. 1993 war der erste gentechnisch hergestellte (rekombinante) Faktor VIII verfügbar. Die neuen gentechnischen Möglichkeiten bieten einen gänzlich anderen Ansatz. Für die Herstellung dieser Produkte wird kein Blut verwendet. Der Träger der genetischen Information für die Produktion eines Faktors wird in eine Zelle eingesetzt, die dann große Mengen des betreffenden Faktors produziert. Dennoch bergen rekombinante Präparate, die zur Stabilisierung menschliches Eiweiß aus Spenderblut benötigen, ein Restrisiko. Hier liegt immer noch die potentielle Gefahr einer Übertragung von Infektionen. Inzwischen wurde auch ein rekombinantes Faktor VIII-Präparat zur Behandlung der Hämophilie A entwickelt, das ohne Eiweiße zur Stabilisierung im Endprodukt auskommt. Mit diesem gentechnisch hergestellten Präparat wird ein hoher Sicherheitsstandard im Hinblick auf die Übertragung von potenziellen Infektionen in der Therapie der Hämophilie A erreicht.  

Leben und Umgang mit Hämophilie

Die Hämophilie ist eine Erbkrankheit. Deshalb ist das Erlernen des Umgangs mit der Erkrankung im Kindesalter besonders wichtig. Eltern, die selbst betroffen sind oder in deren Familie diese Erkrankung bereits vorkam, sind durch eigene Erfahrungen vorbereitet. Sie haben oftmals schon vor oder in der Schwangerschaft bei Beratungsstellen klären lassen, ob ihr Kind von der Hämophilie betroffen sein wird. Wenn die Mutter sichere oder mögliche Überträgerin ist, sollte bei männlichen Neugeborenen in jedem Fall schnellstmöglich eine Gerinnungsuntersuchung durchgeführt werden.

Das Krankheitsbild der Hämophilie kann schon im frühen Kindesalter auffallen. Bei Häufung von blauen Flecken, leichten Bewegungseinschränkungen oder anderen Blutungsanzeichen sollte ein Arzt aufgesucht werden. Auch Nachblutungen nach Blutabnahmen oder Impfungen sind bereits im ersten Lebensjahr zu bemerken und sind ein Warnsignal für diese Krankheit. In einem Behandlungszentrum können Spezialuntersuchungen zur Abklärung und Sicherung der Diagnose durchgeführt werden.

Sport ist auch für Hämophile möglich und sogar empfehlenswert, da durch einen gezielten Muskelaufbau die Gelenke stabilisiert werden. Angemessene körperliche Betätigung bedeutet so aktive Blutungsvorbeugung. Bei der Auswahl der Sportart und der Intensität der Ausübung muss die Blutungsneigung allerdings unbedingt berücksichtigt werden.

Bei entsprechender Therapie haben hämophiliekranke Kinder heute eine normale Lebenserwartung. Bei angemessener Behandlung sind weder schwere Folgeschäden noch langwierige Blutungen zu befürchten. Sie können heute zusammen mit ihren Altersgenossen Kindergärten, Schulen und Ausbildungsstätten besuchen, obwohl sie auf eine Behandlung angewiesen sind. Bei einer ausreichenden Versorgung mit Gerinnungskonzentrat sind auch Reisen möglich. Aufgrund der großen Fortschritte in der modernen Medizin hat sich die Lebensqualität hämophiler Patienten in den letzten Jahren entscheidend verbessert.

Hinweis: Dieser Text dient zu Ihrer allgemeinen Information. Bitte stellen Sie keinesfalls selbst eine Diagnose, sondern suchen Sie, wenn Sie Fragen oder Beschwerden haben, einen Arzt auf. Nur er kann die Symptome aufgrund seiner klinischen Erfahrung richtig einschätzen und gegebenenfalls weitere diagnostische Schritte unternehmen.

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