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Eines der bekanntesten Gemälde des 20. Jahrhunderts zeigt eine junge Frau, die sich nach vorne gebeugt, mit beiden Händen auf eine bräunlich-grüne Wiese stützt. Ihr Blick ist auf ein altes, graues Farm-Haus in einiger Entfernung gerichtet. Bei der jungen Dame handelt es sich um die Nachbarin des Malers Andrew Wyeth: Christina Olson. Nach ihr ist auch sein 1948 geschaffenes Gemälde „Christinas Welt“ benannt. Zu dem Bild wurde er inspiriert, als er Christina Olson in der Nähe seines Hauses über die  Wiese kriechen sah – für sie die einzige Möglichkeit sich ohne Hilfsmittel fortzubewegen. Denn Christina Olson war ab der Hüfte gelähmt.

Lange Zeit wurde fälschlicherweise Kinderlähmung für die Ursache von Christina Olsons gelähmten Beinen gehalten, die auf Andrew Wyeths Gemälde „Christinas Welt“ (1948) abgebildet ist. (THE MUSEUM OF MODERN ART, NEW YORK)

Lange wurde vermutet, dass Kinderlähmung eine mögliche Ursache für Christina Olsons gelähmte Beine sein könnte. Das war damals ein häufiger Grund von Lähmungen bei Kindern - bis 1955 Forscher eine Impfung gegen Kinderlähmung entwickelten. Doch erst 2016 konnte die korrekte Diagnose für Christinas Erkrankung gestellt werden.

Des Rätsels Lösung

Jedes Jahr findet an der University of Maryland eine Konferenz „zur Aufklärung von rätselhaften Erkrankungen historischer Persönlichkeiten“ statt. Dort wurden von medizinischen Experten bereits Krankheitsbilder von Mozart, Johanna von Orléans oder Alexander dem Großen diskutiert.

Bei der Konferenz 2016 konnte ein Kinderneurologe das Geheimnis um die rätselhafte Erkrankung der Christina Olson klären: Die junge Frau war von einer früh auftretende Form von Charcot-Marie-Tooth- oder CMT-Erkrankungen betroffen. Dabei handelt es sich um vererbbare Erkrankungen des peripheren Nervensystems – also dem Teil des Nervensystems, der außerhalb des Gehirns und Rückenmarks liegt. Diese Erkrankungen führen zu einem fortschreitenden Muskelabbau und in weiterer Folge zu eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten. Weltweit sind etwa 2,8 Millionen Menschen von CMT-Erkrankungen betroffen.

Um das Rätsel ihrer Erkrankung aufzuklären, studierte der Kinderneurologe die sehr detailgetreue Biographie von Christina Olson, die von ihren Nichten verfasst wurde: Im Alter von drei Jahren begann sie auf den äußeren Kanten ihrer Füße zu gehen. Über die Jahre wurden ihre Glieder immer schwächer, bis sie mit Mitte 20 gar nicht mehr gehen konnte.

Aus dem darin beschriebenen Krankheitsbild konnte der Kinderneurologe Rückschlüsse auf die Ursache ihrer Erkrankung ziehen. Für ihn war klar, dass Kinderlähmung nicht der Grund sein konnte. Denn bei Kinderlähmung treten Lähmungserscheinungen plötzlich innerhalb von wenigen Tagen auf und verbessern sich manchmal auch wieder. Die Lähmungserscheinungen von Christina Olson hingegen traten langsam auf und verschlechterten sich über die Jahre hinweg.

Ein weiterer Ausschlussgrund für die Diagnose „Kinderlähmung“ sind die bei Kinderlähmung typischerweise asymmetrisch auftretenden Lähmungserscheinungen: Ein Arm oder Bein ist deutlich schwächer als das andere. Doch bei Christina Olson waren beide Beine gelähmt. Diese Hinweise veranlassten den Kinderneurologen zu seiner Diagnose: Nicht Kinderlähmung, sondern eine CMT-Erkrankung war für die Lähmung von Christina Olsons Beinen verantwortlich.

Die Leinwand als Patientengeschichte

Neben „Christinas Welt“ gibt es noch eine Reihe weitere berühmter Gemälde, die Menschen mit meist nicht offensichtlichen Erkrankungen abbilden. In der sogenannten „Diagnose an der Leinwand“ versuchen Ärzte, Erkrankungen von Porträtierten oder deren Malern zu diagnostizieren. Einerseits können Ärzte mit dieser Methode ihren diagnostischen Blick trainieren. Andererseits erfahren Ärzte aus Diagnosen von alten Gemälden viel über die damaligen Krankheitsbilder. Es gibt sogar eigene Fachzeitschriften, in denen Ärzte Artikel über ihre neuesten Erkenntnisse aus der Blickdiagnose an der Leinwand veröffentlichen können.

Rembrandts „Bathseba im Bade” (1654) wurde lange für ein kunsthistorisches Beispiel einer Frau mit Brustkrebs gehalten. (WIKIMEDIA COMMONS/PUBLIC DOMAIN)

Das blaue Mal von Rembrandts Bathseba

Das berühmte Ölgemälde „Bathseba im Bade“ (1654) des niederländischen Künstlers Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669) galt lange als frühes kunstgeschichtliches Zeugnis von Brustkrebs.

Für die Bathseba hat wahrscheinlich die Geliebte Rembrandts, Hendrickje Stoffels,  Modell gestanden. Diese Dame weist auf dem Gemälde ein großes, blaues Mal im unteren Bereich ihrer linken Brust, sowie eine Schwellung unterhalb der Achselhöhle auf.

Zwei Chirurgen aus Australien interpretierten diese Merkmale in den 1980ern als Anzeichen für Brustkrebs: Die blaue Farbe rühre von einem bläulich durch die Haut schimmernden Tumor her. Die Schwellung unterhalb der Achselhöhle führten sie auf geschwollene Lymphknoten zurück – ebenfalls ein typisches Anzeichen von Brustkrebs.

Diese Theorie wurde aber 2012 von Forschern der Universität Twente in den Niederlanden widerlegt. Die Forscher haben die angeblich von einem Tumor befallene Brust der Bathseba mittels einer Computer-Simulation untersucht: Sie erstellten Simulationen von Millionen einzelner Lichtteilchen (Photonen), die sie auf die simulierte Brust mit dem Tumor treffen ließen. Dann analysierten sie, wie viele der Lichtteilchen zurückkamen und welche Farbe das menschliche Gehirn dem zurückgeworfenen Licht zuordnen würde.

Dabei haben sie eine interessante Entdeckung gemacht: Ein Tumor in der Brust wäre nur als blaues Mal erkennbar, wenn der Tumor ein bis drei Millimeter unterhalb der Haut liegen würde. Doch die meisten Brusttumore liegen viel tiefer im Gewebe und sind nicht sichtbar. Daher halten es die niederländischen Forscher für äußerst unwahrscheinlich, dass das Modell der Bathseba tatsächlich Brustkrebs hatte.

Schauen doch auch Sie beim nächsten Museumsbesuch etwas genauer hin und entdecken Ihr Lieblingsgemälde aus einer ganz anderen Perspektive!

PP-PFE-AUT-0469/04.2018

 

  

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