Inhaltsbereich überspringen

Videospiele sind nur für Kinder oder bloße Unterhaltung? Weit gefehlt! Für einige Menschen könnten sie in Zukunft zu einer lebensverändernden Diagnose führen.

In Österreich leben etwa 100.000 Menschen mit Alzheimer – eine Erkrankung, die meist erst dann entdeckt wird, wenn die verschlechterte Gedächtnisleistung bereits normale Tagesabläufe beeinträchtigt. Forscher gehen davon aus, dass die Krankheit bereits bis zu 20 Jahre vor den ersten klinischen Symptomen erkennbar sein könnte. Und einige denken, Videospiele könnten ein Schlüssel dazu sein.

“Wissenschaftler vermuten, dass neben der Gedächtnisleistung noch andere Aspekte der Wahrnehmung von Alzheimer beeinträchtigt werden. Diese sind aber nicht so offensichtlich“
Phil Iredale, Head of Circuits, Neuro-Opportunities & Screening Technologies bei Pfizer

Seit 2014 untersucht Pfizer diese These in Zusammenarbeit mit dem Videospielhersteller Akili Interactive Labs. Akili hat Project:EVO entwickelt – eine medizinische Plattform, die in Form von Actionspielen Therapien und Diagnosen von kognitiven Erkrankungen bereitstellt. Sie wurde von führenden Neurowissenschaftlern, Technikern und Softwareentwicklern entworfen. 

Project:EVO ist darauf ausgerichtet, die Multitasking-Fähigkeit von Menschen zu messen und zu verbessern: Während dem Spiel werden Teilnehmer aufgefordert, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Dabei werden sie immer wieder mit Ablenkungen oder Unterbrechungen konfrontiert.

Multitasking durch Videospiele trainieren

Die Technologie hinter Akili wurde an der University of California in San Francisco entwickelt und hat das Interesse vieler Wissenschaftler geweckt, als sie im September 2013 das Cover des „Nature“ Magazins zierte. Darin wurde beschrieben, wie ein von Akili entwickeltes Spiel namens NeuroRacer älteren Personen helfen kann, ihre Multitasking-Fähigkeiten zu verbessern. 

Seither hat Akili mit vielen Partnern zusammengearbeitet, um klinisch valide, von der FDA genehmigte, digitale Produkte zu entwickeln, die Patienten mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), Alzheimer, Depression und anderen neurologischen bzw. psychiatrischen Krankheiten helfen sollen.

„Das System basiert auf der Aktivierung des Interferenzverarbeitungssystems im Gehirn, oder anders gesagt, der Fähigkeit des Gehirns, Informationen in Echtzeit zu beobachten und zu filtern“
Eddie Martucci, CEO von Akili

„Unsere Plattform nutzt dieses System, treibt es an die Grenze der Belastbarkeit und stärkt es im Laufe der Zeit.“

Wenn die Teilnehmer das Simulationsspiel spielen, das in einem „pseudo-realen, pseudo-fremden“, sich ständig ändernden Umfeld abläuft, arbeiten die Algorithmen, um die Komplexität an jedes Nutzerlevel anzupassen. Zusätzlich zum Navigieren in der dynamischen Umwelt werden die User damit konfrontiert auf das Umfeld zu reagieren, Objekte zu identifizieren und schrittweise immer schwierigere Entscheidungen zu treffen.

Für Pfizer ist Akili durch den datengetriebenen Ansatz und den klaren Fokus auf spezifische Bereiche der Wahrnehmung ein idealer Partner zur Erforschung von Alzheimer. “Akili ist auf Beobachtung und Training eines sehr spezifischen Bereichs der Wahrnehmung fokussiert, nämlich auf die geteilte Aufmerksamkeit… und das ist die Hypothese, die wir testen. Wir untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Faktoren in Bezug auf das Risiko für Alzheimer und der Schwierigkeit mit Multitasking-Aufgaben gibt“, sagt Iredale.

Erste signifikante Daten 

Gemeinsam haben die zwei Unternehmen eine Studie mit 100 gesunden Erwachsenen im Alter von über 65 Jahren durchgeführt. Einige der Teilnehmer wurden in PET-Scans positiv auf Amyloid-Ablagerungen im Gehirn getestet, was als potenzieller früher Indikator für Alzheimer gilt. Andere zeigten keine Biomarker für Alzheimer.

Während die Teilnehmer das iPad-basierte Spiel über 28 Tage spielten, analysierten Wissenschaftler die Daten, um zu erkennen, wie gut die beiden Gruppen mit den Multitasking-Aufgaben klar kommen und wie sich ihre Fähigkeiten im Laufe der Zeit verbessern. Ende Dezember 2016 wurden erste Ergebnisse präsentiert. Sie zeigen statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Teilnehmern mit und ohne Amyloid-Ablagerungen. 

„Die digitale Plattform könnte eine neue, nicht-invasive Methode zur Bestimmung von Amyloid-Ablagerungen bei Personen werden, die noch keine Symptome zeigen”, sagt Iredale. Damit könnte das Spiel eine Alternative zu bisher verfügbaren, teuren und schwer zugänglichen Tests im Rahmen der Diagnose werden. Bis dahin ist aber noch weitere Forschungsarbeit nötig.

Martucci blickt jedoch hoffnungsvoll in die Zukunft: „In den nächsten zehn Jahren wird sich das Feld der digitalen Medizin an einen Punkt entwickeln, an dem Ärzte software-basierte Diagnosen einsetzen und auch digitale Behandlungen für die verschiedensten Krankheiten anwenden werden.“

 

PP-PFE-AUT-0311/08.2017

Newsletter

Stay tuned! In der Welt der Wissenschaft, Medizin und Gesundheit gibt es täglich Neues – bleiben Sie am Laufenden. 

Weitere Beiträge